Sonntag, 14. Oktober 2012

Gemelli De Filippis

Zum Verwechseln ähnlich? Süditalienische Zwillingsbrüder leben ihren Traum vom Profitanz Mit Tanz und Bewegung den Einklang zwischen Körper, Geist und Musik zu finden, dazu wollen die Profitänzer und Zwillingsbrüder Giuseppe und Michele de Filippis verhelfen, die ihre Kunst in Vollendung beherrschen. Zum Verwechseln ähnlich und doch auch nicht, damit spielen sie nicht zuletzt in eigenen Choreografien. In der gemeinsamen Ballettschule in Klein-Umstadt unterrichten die bühnenerfahrenen Tänzer Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Ballett, Modern Dance, Tanztheater und choreografischem Arbeiten. Klein-Umstadt - Wie ein Ei dem anderen gleichen sie sich und sind doch grundverschiedene Menschen. So groß die äußerliche Ähnlichkeit ist, so sehr unterscheiden sich in ihrem Wesen die tanzenden Zwillinge Giuseppe und Michele de Filippis, die in Klein-Umstadt eine kleine Ballettschule betreiben. 1969 in Brindisi geboren, studierten beide Tanz in Mantua und Rom, bevor sie an der Folkwang-Hochschule in Essen 1997 die Abschlussprüfung im Studiengang Bühnentanz ablegten. Sie haben an zahlreichen auch internationalen Produktionen als Tänzer und als Choreografen mitgewirkt. Nach mehreren Jahren am Staatstheater Darmstadt und am Theater Heidelberg arbeiten sie nun hauptsächlich an eigenen Projekten: Eineiige Zwillinge, die als zwei Individuen, zwei völlig unterschiedliche Personen wahrgenommen werden möchten. Gar nicht so unzertrennlich wie vermutet werden könnte, sind die Zwillinge und Profitänzer. Seit knapp zwei Jahren wohnt Michele im gemütlichen Haus mit Garten und Proberaum in Klein-Umstadt, wo er an die 30 Schüler unterrichtet. „So wollte ich das immer gern haben. Ich brauche Sicherheit und Ruhe.“ Er scheint glücklich angekommen zu sein in einem beschaulichen, für seine Maßstäbe wohl geordneten Leben in dörflicher Umgebung mit zwei Hunden, zwei Pferden und vier Katzen, während es Bruder Giuseppe in der Zwischenzeit nach Gießen verschlagen hat. Dort ist so viel mehr los, das Leben bunt, spontan und abwechslungsreich, wie er es liebt. Häufig kommt er zu Proben für aktuelle Produktionen nach Klein-Umstadt. „Wir sind total verschieden“, beschreibt Giuseppe seinen Bruder als ziemlich „landmäßig“, der immer nur zu Hause bleibt, langweilig findet er das, „wie bei einem alten Ehepaar“. „Giuseppe braucht das Chaos, immer was los, viele Freunde um sich herum und jeden Abend ausgehen“, weiß dagegen Michele und Giuseppe betont: „Ich bin total anders, überhaupt nicht so strukturiert.“ Erstmals ist es den Zwillingen gelungen, sich auch räumlich voneinander zu trennen, „Wir waren immer zusammen“, bestätigen beide. Dass sie besondere Menschen und besondere Künstler sind, liegt eigentlich auf der Hand: Giuseppe und Michele sind „Spiegel-Zwillinge“, der eine kann mit rechts alles besser, der andere mit links, die perfekte Ergänzung also und ideale Voraussetzung für spannende Tanzchoreografien, die nur in dieser Kombination möglich sind, faszinierend und mitunter fast unerklärlich. Neben vielen wichtigen Auftritten im In- und Ausland arbeiteten die beiden zusammen als Choreografen in diversen Stücken. Nach Engagements am Staatstheater Darmstadt seit 1999 und in Heidelberg arbeiten die Zwillinge seit 2000 als freiberufliche Choreografen und Tänzer. Trotz ihrer Herkunft fühlen sich beide heimisch in Deutschland, wo sie nun seit mehr als 20 Jahren leben. „Wenn ich sage, ich gehe nach Hause, dann ist das Deutschland.“ In Italien fühlen sich die beiden inzwischen als Gast. Für ihre ungewöhnlichen Tanzperformances bedienen sich die 43 Jahre alten Brüder in der Literaturgeschichte. „Wir nehmen Bücher zugrunde, oft antike Tragödien oder Mythologie wie Ikarus, Narziss oder Salome und versuchen, die Themen auf unsere heutige Zeit und die moderne Welt zu übertragen. Es ist spannend, wie aktuell diese alten Fragen auch heute noch sind und Ideen für Choreografien liefern.“ Auch Stücke von Oscar Wilde oder Luigi Pirandello werden umgearbeitet zum modernen Ballett. Gemeinsam wählt man dann die passende Musik aus, erste Choreografien werden angedacht. Diskutieren tun die Zwillinge de Filippis mit ihrer süditalienischen Mentalität ausgesprochen gern und vor allem ausgiebig über alles Mögliche. Es gilt, die Mitte zu finden von Bewegung und Musik, von Emotionen und Gedanken. Ein langer, konstruktiver Prozess kommt in Gang, bei dem die gemeinsame Arbeit im Vordergrund steht. In einer ganz normalen, einfachen Familie seien sie aufgewachsen. Früh war klar, dass aus den beiden nicht die von den streng katholischen Eltern erwarteten Juristen oder Mediziner werden würden. „Wir haben immer den Tanz geliebt“, erinnern sie sich an den ersten „Input“ vom Fernsehen, an Samstagabend-Sendungen mit Rafaela Carra, wo stets die Tanznummern ungeduldig herbeigesehnt wurden. „Wir haben gekämpft, unseren Traum zu verwirklichen“, sagen beide, spätestens nach der Ausbildung zum Bankkaufmann „den Eltern zuliebe“ und dem Militär in Bari, wo sie Pina Bauschs Gastspiel „Palermo Palermo“ nachhaltig tief beeindruckte. „Wir waren beide einfach überwältigt, ich habe geweint. Solche Gefühle hatte ich nie gehabt“, erinnert sich Michele gut. „Jetzt, mit 43, danken wir unseren Eltern, dass sie uns zu nichts gezwungen haben“, sagen sie. „Sie wussten ja in dem Sinn nicht, was Tanz bedeutet. Für sie war das damals kein Beruf, mit dem man viel Geld verdient, schon gar nicht in Italien und schon überhaupt nicht als Jungs. Wir haben das entschieden und wir wollten unbedingt tanzen. Wir haben immer daran geglaubt, dass wir es schaffen.“ „Ich sehe das heute in der Ballettschule“, beobachtet Michele. „Man sollte nie zu Kindern sagen, ihr müsst tanzen. Das kann nichts werden.“ Kinder, Jugendliche und Erwachsene, sogar Frauen um die 50, nehmen Unterricht in der Ballettschule. „Bewegung, das Musische, das ist keine Frage des Alters.“ Musikalität könne man immer lernen. Beide haben ihre Träume gelebt, sagen sie über sich. „Als Zwilling und besonders als junger Mensch“ erklärt Giuseppe, „hat man da fast Minderwertigkeitskomplexe: Mögen die Leute mich, weil ich Zwilling bin oder weil ich gut tanze? Wir sind ja keine Zirkusattraktion, wir sind Tänzer. Erst als wir auch einmal allein engagiert wurden, habe ich gemerkt, die haben mich genommen weil ich, Giuseppe, ein guter Tänzer bin.“ Doppelgänger mögen sie rein äußerlich sein, faszinierend dabei ist ihre Unterschiedlichkeit. Gerade in ihrer Verschiedenheit sind Giuseppe und Michele de Filippis unglaublich vielseitig und eben doch nicht zum Verwechseln ähnlich.

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